Kopfpauschale

Deutschland ist ein merkwürdiges Land.
Es ist ja hinlänglich bekannt, daß unsere Sprache nicht zu den einfachsten gehört und daß das deutsche Steuerrecht das umfassendste Schriftwerk der Neuzeit ist. Wenn man sich aber mal zurücklehnt und sich die Strukturen, auf deren Grundlage unser tägliches Leben funktioniert, genauer ansieht, dann stellt man erstaunt fest, daß auch hier an allen Ecken und Enden völlig unverständliche, undurchsichtige und oftmals unsinnige Eigenheiten entstanden sind.

Ein sehr spezielles Beispiel ist das deutsche Gesundheitssystem. Seit Jahrzehnten versucht sich eine Regierung nach der anderen daran, eine “Gesundheitsreform” zu realisieren, die alles viel einfacher und billiger macht. Vergleicht man das heutige Ergebnis mit unseren Nachbarn - sagen wir mal, die Niederlande - dann wird klar, wie grandios dieses Vorhaben gescheitert ist und wahrscheinlich auch noch lange scheitern wird.
In Deutschland gibt es derzeit etwa 81,85 Mill. Einwohner, von denen ca. 70 Mill. gesetzlich krankenversichert und davon wieder 35,8 Mill. Arbeitnehmer sind. Laut dem statistischem Bundesamt haben diese 35,8 Mill. Arbeitnehmer im Schnitt einen Bruttojahreslohn von 41509 Euro erhalten.
An dieser Stelle schlägt das deutsche Sozialversicherungswesen zu und zieht für jeden Arbeitnehmer im Durchschnitt 14,9% vom Bruttoverdienst als Krankenversicherungsbeitrag ein. Das sind für den Bundesdurchschnittsbürger also 41509*0,149 = 6184,84 Euro. Zwar verteilt sich das fast zur Hälfte auf den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, aber die Krankenkassen bekommen den Gesamtbetrag.

Um den vorherhergehenden Abschnitt kurz und bündig zusammenzufassen:
Die deutschen gesetzlichen Krankenkassen haben 2009 im Durchschnitt für jeden Arbeitnehmer 515,40 Euro monatlich eingezogen.
Kinder sind beitragsfrei versichert, Rentner hingegen müssen ebenfalls einzahlen. Der absolute Mindestbeitrag liegt übrigens bei ca. 120,- Euro - der Höchstbeitrag bei ca. 547,- Euro.
Ja, richtig gelesen - Bei montlichen Einkünften über 3675,- Euro brutto steigt der Beitrag zur Krankenversicherung nicht mehr! Da sei schon mal die Frage erlaubt, wieso das ein “Solidarsystem” ist.

Richtig interessant werden die deutschen Zahlen aber erst, wenn man sich nun das Gesundheitssystem in den Niederlanden anschaut.
Hier gibt es bereits seit einigen Jahren nur noch quasi-private Krankenversicherungen, die aber gesetzliche Mindestleistungen und Preise anbieten müssen (also nicht völlig “marktfrei” sind). Diese Krankenkassen arbeiten, ebenfalls schon seit einigen Jahren mit einer Art Kopfpauschale: Alle Versicherte, außer Kinder unter 18 Jahren, müssen eine Basisversicherung abschließen, die für knapp 100,- Euro im Monat zu haben ist.
Mit kleinen Zusatzversicherungen und wichtigen Erweiterungen für Zahnbehandlungen kostet der Krankenversicherungsschutz in den Niederlanden im Schnitt 120,- Euro monatlich - für jeden, auch Arbeitnehmer.

Zweite Zwischenbilanz: Für jeden deutschen Arbeitnehmer bekommt die (gesetzliche) Krankenversicherung im Mittel 515,40 Euro. Für jeden niederländischen Arbeitnehmer bekommt eine niederländische Krankenversicherung im Mittel 120,- Euro.

Natürlich könnte man jetzt über “Details” reden und diskutieren, ob und warum Deutschland ganz weit vorne im Bereich der Medizinforschung ist - oder warum die Niederländer anerkannterweise die besten hygienischen Bedingungen in Krankenhäusern haben.
Man könnte darüber reden, daß es in den Niederlanden zwar wählbare Selbstbeteiligungen gibt, dafür aber keine Zuzahlungen zu Medimakenten.

Egal wie, es bleibt bei der Tatsache, daß in deutsche Versicherte etwa 4x mehr zahlen als Niederländer - und zwar bei vergleichbaren Leistungen.
Selbst wenn man regionale Besonderheiten einrechnet, verschwinden im deutschen Gesundheitssystem Jahr für Jahr Milliardenbeträge auf unerklärliche Weise.

Wir sind ein merkwürdiges Land.

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